Vom 03. Oktober bis zum 30. Dezember 2011 habe ich ein redaktionelles Praktikum bei derStandard.at absolviert. Mein Aufgabenbereich umfasste unter anderem die Recherche tagesaktueller Themen, das Erstellen onlinegerechter Artikel, die Beschaffung von passendem Bildmaterial zu Artikeln, das Verfassen von Interviews und Reportagen inkl. Fotografieren und den Besuch von Pressekonferenzen.
Wieder in Graz, aber trotzdem noch was aus dem Norden zu erzählen:
450 Kilometer quer durch Norwegen. Von Oslo nach Stavanger, von Ost nach West. Laut Routenplaner sind das fast 7 Stunden Fahrtzeit. Das mag einem bei der Distanz lange vorkommen. Ist es auch. Nur leider ist es immer noch völlig untertrieben. Autobahnen sind hier Mangelware und 100 km/h das Höchste der Gefühle. Die Regel sind aber magere 80 km/h. Nach einem langen, kalten Winter und unzähligen Baustellen zur Reparatur der Straßen trifft das aber leider auch nicht wirklich zu. Da kann’s dann schon einmal länger bei einem 40er zu Ende sein mit dem Fahrspaß. Wenn man aber denkt, man könne ruhig ein bisschen schneller fahren als erlaubt, sollte man sich das besser noch einmal genauer überlegen. Neben unzähligen Radarfallen ist auch die Polizei ein ständiger Wegbegleiter. Und wie alles andere in diesem Land, sind auch die Strafen nicht gerade günstig. Richtig unangenehm wird es aber erst, wenn man beim Tankstopp plötzlich von einem hysterischen Lkw Fahrer aufs Wüsteste beschimpft wird. Da hat man doch vor lauter Sorge um sein ohnehin schon strapaziertes Budget, glatt die Aufhebung des Geschwindigkeitsverbots übersehen und war die letzten Kilometer um 20 km/h zu langsam unterwegs. Ist man dann nach knapp neun Stunden endlich am Ziel, hat sich’s trotzdem ausgezahlt. Schön ist es ja schon dort oben.
Der Norweger ist anders. Zum Beispiel hat er nichts Besseres zu tun als der Wärme zu entfliehen, um in den Bergen Skifahren zu gehen, sobald der Schnee in Oslo endlich geschmolzen ist. Wenn er vom Skifahren spricht, meint er aber meistens nicht das, was man in Österreich darunter versteht. Eigentlich spricht er dann vom Langlaufen. Hermann Maier ist hier auch nur “irgendein alter Abfahrer”. Der große Held ist die Langlauflegende Bjørn Dæhlie.
Die Unterschiede hören aber beim Wintersport noch lange nicht auf. Grundsätzlich scheinen hier viel mehr Leute blond zu sein als bei uns. Und auch größer. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die vielen Blondinen nicht auf eine überdurchschnittlich große Beliebtheit von Haar-Färbeprodukten zurückzuführen sind. Man hat hier anscheinend das Gefühl ein gewisses Image aufrechterhalten zu müssen. Die helle Haarfarbe passt wohl auch besser zur nordischen Unterkühltheit.
Daneben gibt es natürlich auch ganz viele Kleinigkeiten. Wenn man sich hier zum Beispiel ostaufs Brot legt, ist das nicht etwa der kreative Umgang mit einer Himmelsrichtung, sondern einfach nur Käse. Vorspiel ist, wenn sich junge Leute vor dem Ausgehen zu Hause zum Trinken treffen, um Geld zu sparen. Sonst nichts. Und Butter ist oft nur gesalzen zu bekommen. Genau so wie Schokolade.
Ich habe es ja in meinem letzten Post schon erwähnt. Die Sonne ist wieder in Oslo. Und wie es ausschaut, ist sie diesmal gekommen, um zu bleiben. Man hört ja hier schon im tiefsten Winter von allen Seiten, wie großartig Oslo im Frühling ist. Grillen im Park, überall Gastgärten und blühende Wiesen. Die Norweger sind ja nett, so wirklich glauben kann man ihnen das aber nicht, wenn es öfter dunkel ist als sonst etwas. Aber sie haben zum Glück recht gehabt. Das Warten zahlt sich aus. Wenn es einmal Frühling wird, ist die Stadt nicht wiederzuerkennen. Und das ist in diesem Fall – nach Monaten von Dunkelheit und vereisten Straßen – gar nicht so schlecht. Irgendwann ist es einfach genug mit zugefrorenen Fjorden und dem Eislaufen anstelle vom normalen zur Fuß gehen.
Mit der Sonne steigt die Stimmung und endlich leben die Straßen von Oslo. Wo man früher schon gezweifelt hat, ob überhaupt noch jemand hier wohnt, oder ob schon alle vor der Kälte in den Süden geflohen sind, sitzen plötzlich Leute unter Sonnenschirmen und trinken Kaffee. Große Schneeflächen werden zu grünen Wiesen und es wird gepicknickt und Ball gespielt. Jeder Osloer scheint seine Zeit von einem Tag auf den anderen im Freien zu verbringen. Und was Sonnenstunden pro Tag angeht, hat man Mitteleuropa hier sowieso schon lange überholt. Heute sind es beinahe 15 – eine Stunde mehr als in Österreich. Irgendwie muss man ja für den Winter hier entlohnt werden.
Internetradio aus Österreich ist nicht immer gut. Schon gar nicht, wenn man die Wetteransage hört: 20 bis 25 Grad. Besonders warm wird es in der Steiermark. Man würde sich ja gerne mitfreuen, mit all denen die das jetzt genießen können. Aber das ist gar nicht so einfach, wenn sich dadurch die eigene Freude über 10 Grad und (immerhin!) Sonnenschein in Oslo doch ziemlich relativiert.
Aber ärgern nützt ja auch niemandem etwas. Immerhin löst sich hier jetzt sogar die dickste Eisschicht auf und überall kommen tatsächlich richtige Gehsteige zum Vorschein. Ganz so, wie man das von zu Hause kennt. Da kann es dann ja hoffentlich auch nicht mehr allzu lange dauern bis auch endlich alles grün wird hier in Norwegen. Was man da bis jetzt sehen kann, ist nämlich eher erbärmlich und ziemlich kahl. Aber es kann ja nur immer besser werden, wenn die Sonne schon einmal da ist. Laut Wetterbericht bleibt sie auch einmal. Zumindest für eine Weile. Und die Leute hier haben das anscheinend ziemlich nötig nach einem langen und dunklen Winter. Schon bei knappen Plus-Graden und den ersten Sonnenstrahlen waren die Straßencafés voll. Verständlich, wenn man zu hören bekommt, dass man dem wettermäßigen Aufwärtstrend zu dieser Jahreszeit nicht unbedingt trauen sollte. Nur weil bald Ostern ist und Ostern heuer auf einen späten Termin fällt, heißt das nicht, dass es nicht jederzeit wieder schneien kann. Also bis dahin einfach das Beste daraus machen und nehmen, was man kriegt.
Während in Oslo ganz langsam etwas beginnt, das an den Frühling erinnert, ist man ein paar Hundert Kilometer im Süden schon weiter. Dort ist es um ein paar Grad wärmer und vor allem sind Schnee und Eis geschmolzen. Das sind nicht die einzigen Gründe, um nach Kopenhagen zu kommen. Aber auch keine Schlechten. Davor noch zur Anreise.
Blick auf Oslo nach dem Ablegen
Jeder andere würde wahrscheinlich eher mit dem Flugzeug kommen. Die Norweger fahren aber gerne mit der Fähre nach Dänemark. Abfahrt in Oslo um 17:00 am Freitag, Ankunft in Kopenhagen um 09:30 am Samstag. Sonntags um halb zehn ist man dann wieder zurück. Was dazwischen passiert ist schon fast so etwas wie eine norwegische Tradition: Booze-Cruise. Den Begriff haben die Engländer für ihre Überfahrten nach Frankreich erfunden. Er passt aber in dem Fall auch ganz gut. Viele vertreiben sich die Zeit auf der Fähre nämlich mit dem, was man ziemlich günstig im Tax-free-Shop an Bord kaufen kann: Alkohol und Zigaretten. Da spürt mancher dann auch den Seegang. Obwohl die Fähre selber eigentlich ziemlich ruhig bleibt.
Nyhavn, Kanal
In Kopenhagen haben dann einige einen Kater. Und alle haben sieben Stunden Zeit um sich die Stadt anzuschauen. Den Kanal, der sich durch die ganze Altstadt zieht, schöne alte und interessante neue Architektur. Zum Beispiel Nationaltheater und Oper. Die liegen wie vieles andere in Kopenhagen am Wasser. Und überall sitzen die Leute in Straßencafés und genießen acht Grad plus und die Sonne. Überhaupt ist die ganze Stadt voller Leute. Besonders viele sind natürlich bei den Touristenattraktionen wie der Kleinen Meerjungfrauoder in Christiania. Die Freistadt im Stadtteil Christianshaven sollte man auf jeden Fall besuchen. Unabhängig von Dänemark verwaltet, verlässt man laut Schildern die EU, sobald man das Gelände betritt. Dort sieht man vor allem junge Leute und Althippies ihre Zeit in Cafés, an einem kleinen See oder einfach auf der Straße verbringen. Das Fotografieren ist verboten. Wahrscheinlich, weil offen mit leichten Drogen gedealt wird. Ein ziemlicher Kontrast dazu sind die großen Einkaufsstraßen im Zentrum. Teure Boutiquen, ein Lego-Shop und viele Straßenmusiker. Wie zum Beispiel die Bottle Boys:
Begonnen hat’s in der Schule. Weitergegangen ist es dann auf der Uni. Und natürlich auch auf der FH. In Graz und natürlich auch während des Auslandssemesters in Oslo. Egal worum es geht, ob man für eine Prüfung lernen muss oder ob irgendeine Abgabe ansteht. Egal wie viel Zeit man die Wochen davor hat und wie stressig alles wird je näher die Deadline rückt. Immer macht man alles erst im allerletzten Moment. Auch wenn man sich immer aufs Neue vornimmt, das nächste Mal einfach früher zu beginnen. Man hat es sich schon in der Schule tausend Mal vorgenommen, ohne dass dann irgendetwas passiert ist. Dann hat man sich eingeredet, dass auf der Uni alles anders wird und erst recht auf der FH. Man weiß, dass man sich so viel Mühe erspart. Man müsste keine Nächte durcharbeiten, oder schon um fünf in der Früh aufstehen, um doch noch irgendwie rechtzeitig fertig zu werden. Aber nix da! Immer das Gleiche. Alles wird bis zum allerletzten Moment aufgeschoben. Schaffen tut man’s dann ja. Aber es wird einfach alles so viel mühsamer und anstrengender. Und wieso? Man kann ja auch im Internet surfen, fernsehen, aufräumen, essen – oder einen neuen Blogeintrag schreiben.
Jeder mag ihn, jeder trinkt ihn. Naja, vielleicht nicht jeder. Aber doch ziemlich viele. Und obwohl es einem in Oslo und ganz Norwegen mit dem Alkohol alles andere als leicht gemacht wird, scheint er auch hier recht beliebt zu sein. Die Bars sind zumindest immer recht gut gefüllt. Wein und Spirituosen gibt es nur in speziellen Geschäften zu kaufen. Bier gibt es im Supermarkt, aber nur bis um 20:00. Außer an Wochenenden. Da muss man sich früher darum kümmern. Das ist vor allem deshalb merkwürdig, weil die Supermärkte viel länger geöffnet sind. Nur die Regale mit dem Bier sind ab dann tabu. Größtes Hindernis ist aber bestimmt der Preis. Bei um die 25 Kronen für das billigste Dosenbier können schon österreichische Tankstellen kaum mehr mithalten.
2 Biere + Kellnerin
An der Theke geht’s dann bei ca. 40 (5 EUR) Kronen los. Aber auch 60, 70, oder sogar 80 Kronen sind keine Seltenheit. Oft bekommt man dann außerdem nur ein 0,4-Liter-Glas. Und wer auch noch gern eine Zigarette zu seinem Getränk raucht, der sollte am besten gleich zu Hause bleiben. Die kosten nämlich überhaupt 10 Euro pro Packung.
Kreditkarten, Magnetkarten, Chipkarten, Bankomatkarten, Lochkarten, Ausweise. Für die Waschmaschine, für die Uni, für die Haustür, für die Zimmertür, für das Klassenzimmer, für das Zug- und das Flugticket, für die U-Bahn, den Bus und die Tram und natürlich für den Eintritt in fast jede Bar und jeden Klub. Nichts geht hier in Norwegen ohne Karten. Für jede Gelegenheit die Richtige. Gebäude und Räume, die man betreten kann, ohne den richtigen Magnetstreifen durch ein Lesegerät zu ziehen, sind eher die Regel als die Ausnahme. Bargeld verwendet fast niemand. Jeder Norweger scheint eine Kreditkarte zu haben. Und er benützt sie auch besonders gerne. Vielleicht vergisst er dadurch eher, wie teuer hier alles ist.
Aber in Norwegen sind Kreditkarten nicht nur zum Zahlen gut. Sie kommen mit einem Passfoto des Besitzers und werden als Ausweise eingesetzt. Und IDs sind wichtig in Oslo. Besonders für Auslandsstudenten. Ohne wird es nämlich schwierig, aktiv am Nachtleben teilzunehmen. Wenn man also keine norwegische Kreditkarte mit sich herumträgt, sollte man immer einen anderen Ausweis dabei haben, um sich identifizieren zu können. Auf keinen Fall aber irgendeinen x-beliebigen Ausweis. Osloer Türsteher können nämlich im Bezug darauf sehr wählerisch sein. Trifft man einen, der gerade der Meinung ist, ein europäischer Führerschein reicht nicht aus um sich zu identifizieren, kommt man halt nicht an ihm vorbei. Eintritt ab 20. Da ist es auch völlig egal, wenn man ihm noch zwei Ausweise zeigt, die beweisen, dass man 25 ist. “Bring your passport next time!”
Ist man im Ausland, ist man plötzlich selber der Ausländer. Kommt einem vielleicht nicht so vor, ist aber so. Da passt es auch ganz gut, wenn man in Tøyen lebt. In Oslo haben ca. 25 % der Bewohner einen Migrationshintergrund und viele davon wohnen in diesem Stadtteil. Die meisten kommen aus Pakistan und Somalia und für fünf Monate kommt zumindest einer auch aus Österreich: nämlich ich.
Ausländer sind normalerweise die anderen. Aber für ein paar Monate bin jetzt eben auch ich einer. Ich weiß schon, dass man meine Situation als Europäer und als Student der hier nur ein Semester verbringt, nicht mit dem Leben vieler der Immigranten in Tøyen vergleichen kann. Trotzdem spreche ich auch eine andere Sprache. Und ich habe hier auch niemanden gekannt, als ich angekommen bin. Und auch jetzt sind die meisten, die ich kenne, keine Norweger. Man besucht zwar einen Norwegisch Kurs und lernt immer wieder auch Einheimische kennen. Aber der Kontakt zu anderen Ausländern ergibt sich von selbst und viel einfacher. Jeder der hier ankommt ist in der gleichen Situation. Jeder will neue Leute kennenlernen. Kaum jemand spricht die Sprache. Dazu kommt, dass die Norweger sehr freundlich, aber nicht wirklich kontaktfreudig sind.
Wenn man aber schließlich einmal mit einem Einheimischen ins Gespräch kommt und ihm erzählt, wo man in Oslo lebt, dann schaut der oft ein bisschen mitleidig drein. Tøyen hat nicht den besten Ruf. Mir gefällt’s aber eigentlich sehr gut. Es gibt die billigsten Geschäfte der Stadt mit Lebensmitteln aus der ganzen Welt, man ist in einer Viertelstunde im Zentrum und es gibt einen riesigen Park. Das Munch- und das Naturhistorische Museum sind auch hier. Außerdem gibt es unglaublich viele Friseure. Ich weiß nicht, warum und es sind so viele, dass es fast schon merkwürdig ist. Aber schaden kann es ja auch niemandem.